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Juni

(Gebrüder
Grimm)

Es war
einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es
war so arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein
Bettchen mehr hatte, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als
die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein
mitleidiges Herz geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil es
so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben
Gott hinaus ins Feld. Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: "Ach,
gib mir etwas zu essen, ich bin so hungerig." Es reichte ihm das ganze
Stückchen Brot und sagte: "Gott segne dir's", und ging weiter. Da kam
ein Kind, das jammerte und sprach: "Es friert mich so an meinem Kopfe,
schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann." Da tat es seine Mütze ab
und gab sie ihm. Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein
Kind und hatte kein Leibchen an und fror: da gab es ihm seins; und noch
weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin.
Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da
kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte:
"Es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd
weggeben", und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin. Und wie es so
stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom
Himmel, und waren lauter blanke Taler; und ob es gleich sein Hemdlein
weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten
Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein
Lebtag.
Mai

(Richard von Volkmann-Leander)

In einer kleinen Stadt, nicht weit von dem Orte, wo
ich wohne, lebte einmal ein junger Mann, dem alles zum Unglück
ausschlug, was er anfing. Sein Vater hatte Pechvogel geheißen, und so
hieß er denn auch Pechvogel. Beide Eltern waren ihm früh gestorben, und
die lange, dürre Tante, die ihn damals zu sich genommen hatte, prügelte
ihn jedes Mal, wenn sie aus der Messe kam. Da sie nun aber jeden Tag in
die Messe ging, so prügelte sie ihn eben auch alle Tage. Er hatte aber
auch wirklich viel Unglück. Denn wenn er ein Glas trug, fiel es ihm
gewöhnlich hin; und wenn er dann weinend die Scherben auflas, schnitt er
sich stets in die Finger.
So ging es in allen Dingen. Zwar die lange Tante starb eines Tages, und
er pflanzte um ihr Grab so viel Büsche und Bäume, als wenn er auf ihnen
noch einmal alle die Stöcke ziehen wolle, die sie auf seinem Rücken
zerschlagen hatte; aber sein Unstern schien mit jedem Jahre nur mehr und
mehr zuzunehmen. Da bemächtigte sich seiner eine große Traurigkeit, und
er beschloss, in die weite Welt zu gehen. Schlechter kann's nimmer
werden, dachte er; vielleicht wird's besser. Er steckte daher seine
ganze Barschaft in die Tasche und wanderte zum Tor hinaus.
Vor dem Tor, auf der steinernen Brücke, blieb er noch einmal stehen und
lehnte sich über das Geländer. Er sah in die Wellen hinab, die reißend
an den Pfeilern vorbeischäumten, und es wurde ihm gar wehmütig ums Herz.
Es war ihm fast, als wenn es ein Unglück wäre, die Stadt, in der er so
lange gelebt, zu verlassen. Und vielleicht hätte er noch lange so
gestanden, wenn ihm nicht plötzlich der Wind den Hut vom Kopfe geweht
und in den Fluss geworfen hätte. Da erwachte er aus seinen Träumen, aber
der Hut war schon unter der Brücke fortgeschwommen und tanzte auf der
anderen Seite mitten im Strom; und jedes Mal, wenn ihn eine Welle
hochhob, schien er höhnisch zurückzurufen: "Adieu, Pechvogel! Ich reise;
bleibe du zu Hause, wenn du Lust hast."
So machte sich denn Pechvogel ohne Hut auf den Weg. Lustige Gesellen
zogen oft genug singend und jubilierend an ihm vorüber und luden ihn
ein, in Gemeinschaft mit ihnen die Wanderschaft fortzusetzen. Doch er
schüttelte jedes Mal traurig den Kopf und sagte: "Ich passe nicht zu
euch und würde euch nicht viel Glück bringen! Außerdem heiße ich
Pechvogel!" Sobald sie diesen Namen hörten, wurden die lustigen Burschen
ernsthaft und verlegen und machten sich eilends aus dem Staube.
Erreichte er abends müde ein Wirtshaus und saß er an einer einsamen Ecke
des Schanktisches, den Kopf in die Hand gestützt und vor sich den
zinnernen Krug mit Wein, der nimmer leer werden wollte, so trat wohl
zuweilen das Wirtstöchterlein leise zu ihm heran, tippte ihn auf die
Schulter, so dass er sich erschrocken umdrehte, und fragte, warum er so
traurig sei. Wenn er aber dann seine Geschichte erzählte oder gar seinen
Namen nannte, schüttelte sie den Kopf, ging zu ihrem Spinnrad zurück und
ließ ihn allein sitzen und seinen Gedanken nachhängen.
Nachdem Pechvogel mehrere Wochen lang gewandert war, ohne recht
eigentlich zu wissen wohin, kam er eines Tages an einen wundervollen
großen Garten, der von einem hohen, vergoldeten Geländer umgeben war.
Durch das Geländer hindurch sah man uralte Bäume und niedriges
Buschwerk, abwechselnd mit großen Rasenplätzen. Dazwischen schlängelte
sich ein Bach, über den eine Menge kleiner Brücken führte. Zahme Hirsche
und Rehe spazierten auf den gelben Sandwegen umher, kamen bis ans
Gitter, streckten ihre Köpfe heraus und fraßen ihm das Brot aus der
Hand. In der Mitte des Gartens aber sah man aus den Bäumen ein
stattliches Schloss hervorragen. Die silbernen Dächer blitzten in der
Sonne, und von den Türmen wehten bunte Fahnen und Banner. Er ging das
Geländer entlang; endlich fand er einen großen, offenstehenden Torweg,
von dem eine lange schattige Allee gerade auf das Schloss führte. Im
Garten selbst war alles still; kein Mensch ließ sich sehen oder hören.
Am Tor hing eine Tafel. Aha! dachte er, wie gewöhnlich! Wenn man an
einem recht schönen Garten vorbeikommt, wo die Tore einladend
offenstehen, dann hängt immer eine Tafel daneben, worauf steht, dass der
Eintritt verboten ist. Zu seiner Überraschung sah er jedoch, dass er
sich diesmal täuschte: denn auf der Tafel stand weiter nichts als: "Hier
darf nicht geweint werden!" - "So, so", sagte er, "eine närrische
Inschrift", zog das Taschentuch heraus und rieb sich ein wenig die
Augen; denn er war nicht ganz sicher, ob nicht in einer Ecke irgendwo
doch eine halbe Träne sitzengeblieben sei. Darauf trat er in den Garten
ein. Der große breite Weg, der schnurstracks aufs Schloss zulief, machte
ihn beklommen. Er schlug lieber einen Seitengang mitten zwischen hohen
Jasmin- und Rosenhecken ein. Den verfolgte er und gelangte in einen
kleinen Wald, aus dem ein Weg mit vielen Windungen zu einem Hügel
hinaufführte. Als er jetzt abermals um eine Ecke bog, lag die Spitze des
Hügels vor ihm, und auf dem Hügel im Grase saß ein wunderschönes
Mädchen.
Sie hatte eine goldene Krone auf dem Schoß, auf die sie fortwährend
hauchte. Dann nahm sie ihre seidene Schürze, rieb die Krone mit ihr, und
als sie sah, dass sie wieder ganz blank wurde, klatschte sie vor Freude
in die Hände, strich sich ihre langen Haare hinter die Ohren und setzte
sich die Krone wieder auf.
Den armen Pechvogel überfiel bei ihrem Anblicke eine sonderbare Angst.
Sein Herz pochte so laut, als wenn es zerspringen wollte. Er trat hinter
einen Busch und duckte sich nieder. Aber es war eine Berberitze, und ein
Zweig legte sich ihm gerade quer übers Gesicht. Und wie der Wind den
Busch leise hin und her bewegte, kitzelte ihm ein Dorn fortwährend an
der Nasenspitze herum, so dass er laut niesen musste. Erschrocken drehte
sich das Mädchen mit der Krone um und sah Pechvogel hinter dem Busche
kauern.
"Warum versteckst du dich?" rief sie. "Willst du mir etwas Böses tun,
oder fürchtest du dich vor mir?"
Da trat Pechvogel zitternd wie Espenlaub hinter dem Busche hervor.
"Du tust mir nichts!" sagte sie lachend. "Komm her, setze dich ein wenig
zu mir; meine Gespielinnen sind alle fortgelaufen und haben mich allein
gelassen. Du kannst mir etwas recht Hübsches erzählen, aber was zum
Lachen! Hörst du? Aber du siehst ja so traurig aus! Was fehlt dir denn?
Wenn du kein so finsteres Gesicht machtest, wärst du wirklich ein ganz
hübscher Mensch."
"Wenn du es haben willst", antwortete Pechvogel, "will ich mich wohl
einen Augenblick zu dir setzen. Aber wer bist du denn? Ich habe ja mein
Lebtag noch nie etwas so Schönes und Herrliches gesehen wie dich!"
"Ich bin die Prinzessin Glückskind, und dies ist meines Vaters Garten."
"Was machst du denn hier so allein?"
"Ich füttere meine Rehe und Hirsche und putze meine Krone."
"Und nachher?"
"Dann füttere ich meine Goldfische!"
"Und wenn du damit fertig bist?"
"Dann kommen meine Gespielinnen wieder, und dann lachen wir und singen
und tanzen!"
"Ach, was du für ein glückseliges Leben führst! Und das geht so alle
Tage?"
"Ja, alle Tage! Nun sage aber auch einmal, wer du bist und wie du
heißt."
"Ach, allerschönste Prinzessin, verlangt nur das nicht von mir! Ich bin
der allerunglücklichste Mensch unter der Sonne und habe den
allerhässlichsten Namen."
"Pfui!" sagte sie, "ein hässlicher Name ist sehr hässlich! In meines
Vaters Ländern gibt es einen, der heißt Entengrütze, und einen anderen,
der heißt Fettfleck; du wirst doch nicht etwa so heißen?"
"Nein", antwortete er, "Entengrütze heiße ich nicht, auch nicht
Fettfleck. Mein Name ist noch viel hässlicher. Ich heiße Pechvogel."
"Pechvogel? Das ist ja zum Totlachen! Kannst du denn keinen anderen
Namen kriegen? Höre, ich will mir einmal einen recht hübschen Namen für
dich ausdenken, und dann will ich meinen Vater bitten, dass er dir
erlaubt, ihn zu tragen. Mein Vater kann alles, was er will; denn er ist
König. Aber nur unter der Bedingung tu ich es, dass du ein ganz
vergnügtes Gesicht machst. Nimm doch die Hand vom Gesicht; du musst dir
nicht immer so an der Nase herumzupfen! Du hast eine ganz hübsche Nase
und wirst sie dir noch ganz und gar verderben. Streich dir einmal die
Haare aus der Stirn! So! Nun siehst du doch einigermaßen vernünftig aus.
- Sage einmal, warum bist du eigentlich so traurig? Denn ich bin immer
vergnügt, und jeder, mit dem ich rede, freut sich. Nur dir sieht man's
gar nicht an!"
"Warum ich so traurig bin? Weil ich mein ganzes Leben traurig war und
stets Unglück habe. Und du bist immer lustig? Wie fängst du das an?"
"Mich hat eine Fee über die heilige Taufe gehalten, der hatte mein Vater
früher einmal einen großen Dienst erwiesen. Sie nahm mich auf den Arm,
küsste mich auf die Stirn und sagte zu mir: 'Du sollst immerdar fröhlich
sein und alle Welt fröhlich machen. Wenn dich ein recht trauriger Mensch
ansieht, soll er sein Unglück vergessen! Glückskind sollst du heißen!' -
Dich aber hat wohl keine Fee geküsst?"
"Nein, nein!" antwortete er hastig, "niemals!"
Darauf wurde die Prinzessin sehr still und nachdenklich und sah ihn mit
ihren großen blauen Augen so sonderbar an, dass es ihm eiskalt den
Rücken hinunterlief. Dann hub sie wieder an: "Ob es auch immer eine Fee
sein muss? Eine Prinzessin ist auch etwas. Komm her, knie dich einmal
hin; denn du bist mir zu groß."
Darauf trat sie vor ihn, gab ihm einen Kuss und lief lachend fort.
Ehe sich Pechvogel noch recht besinnen konnte, war sie verschwunden.
Langsam stand er auf. Es war ihm, als wenn er aus einem Traum erwachte;
und doch fühlte er, dass es kein Traum sein könne, denn eine wunderbare
Fröhlichkeit war über sein Herz gekommen. "Wenn ich nur meinen Hut
hätte", sagte er, "dass ich ihn in die Luft werfen könnte. Vielleicht
finge er an zu trillern und flöge als Lerche davon! Zumut ist mir's so.
Ich glaube wirklich, ich bin lustig. Das wäre doch zu merkwürdig." - Er
pflückte sich noch einen großen Blumenstrauß im Garten und wanderte
singend die Landstraße weiter.
Sobald er in die nächste Stadt kam, kaufte er sich ein rotsamtnes Wams
mit Atlasschlitzen und ein Barett mit einer langen weißen Feder, besah
sich im Spiegel und sagte: "Pechvogel heiße ich? Wir wollen doch sehen,
ob ich nicht einen anderen Namen bekomme. Aber den schönsten, den es
gibt, sonst nehm' ich ihn nicht an." Dann stieg er auf ein Pferd, gab
ihm die Sporen, dass es lustig dahintanzte, und setzte seine Reise fort.
Prinzessin Glückskind aber, nachdem sie dem Pechvogel den Kuss gegeben
hatte, lief und lief. Dann ging sie langsamer und langsamer, und zuletzt
setzte sie sich auf eine Bank unweit vom Schlosse und fing an,
bitterlich zu weinen. Als ihre Gespielinnen zurückkehrten und sie
fanden, weinte sie immer noch. Sie versuchten sie zu trösten, aber es
half nichts. Da liefen sie in ihrer Angst zum König und riefen: "Um
Gottes Willen, Herr König! Ein Unglück für das ganze Land! Prinzessin
Glückskind sitzt im Garten und weint, und niemand kann ihr helfen." Als
dies der König hörte, wurde er vor Schrecken blass und sprang eilig die
Treppe in den Garten hinunter. Da saß die Prinzessin weinend auf der
Bank und hatte die Krone auf dem Schoß, und es waren auf sie so viele
Tränen gefallen, dass sie in der Sonne blitzte, als wenn sie mit tausend
Diamanten besetzt wäre. Der König nahm seine Tochter in den Arm und
tröstete sie und redete ihr zu; aber sie weinte immerfort. Er führte sie
in das Schloss und ließ ihr aus dem ganzen Lande alles, was es nur
Schönes und Kostbares gab, kommen; doch sie blieb traurig; und so oft er
sie auch bat, ihm doch zu sagen, welch ein schweres Herzeleid ihr
widerfahren sei, sie antwortete nicht. Aber der König fragte immer
wieder, und zuletzt musste sie es sagen; und sie erzählte, wie sie im
Garten gesessen und wie ein junger Mensch gekommen wäre, der so überaus
traurig ausgesehen, und wie sie ihn geküsst hätte, um zu sehen, ob er
dadurch nicht vielleicht etwas fröhlicher würde.
Da schlug der König die Hände über dem Kopf zusammen. "Einen fremden,
hergelaufenen Menschen, wahrscheinlich einen ganz gewöhnlichen
Handwerksburschen! Mit schlechten Kleidern; und noch dazu ohne Hut! Es
ist unglaublich!"
"Er dauerte mich so sehr!"
"Ein hübscher Grund für eine Prinzessin, den ersten besten Strolch zu
küssen! Und Pechvogel heißt er? Unerhört! Aber den Menschen muss ich
haben, und wenn ich ihn habe, wird er geköpft. Das ist die
allergeringste Strafe, die ihn treffen kann!"
Darauf befahl der König seinen Reitern, das Land nach allen Richtungen
hin zu durchstreifen und auf den armen Pechvogel zu fahnden. "Wenn ihr
einen jungen Menschen findet, der aussieht, als hätten ihm die Mäuse das
Brot weggefressen, und keinen Hut hat, der ist's! Den bringt ihr sofort
hierher!" Und die Reiter stoben auseinander wie Spreu, in die der Wind
fährt, und durchzogen das ganze Land. Manche von ihnen kamen auch an
Pechvogel vorbei, der in seiner vornehmen Kleidung stolz auf dem Pferde
saß; aber sie erkannten ihn nicht, und die meisten von ihnen kehrten
unverrichteterdinge in das Schloss zurück, wo sie der König zornig
anfuhr und alberne, ungeschickte Menschen schalt, die zu gar nichts zu
gebrauchen seien. Die Prinzessin aber blieb traurig wie zuvor und kam
jeden Mittag mit verweinten Augen zu Tisch; und der König tat auch
weiter nichts, als dass er immer wieder seine schöne, traurige Tochter
ansah, und ließ darüber Suppe und Braten kalt werden.
So ging es Woche um Woche. Eines Tages jedoch entstand plötzlich ein
Lärmen auf dem Schlosshofe. Alles lief zusammen, und ehe noch der König
Zeit gehabt, ans Fenster zu treten, um nach der Ursache zu sehen,
führten schon zwei Reiter den armen Pechvogel in sein Zimmer. Sie hatten
ihm die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, aber sein Gesicht
strahlte, als wenn ihm in seinem Leben noch nie etwas Lieberes
widerfahren wäre. Er verneigte sich vor dem König und richtete sich dann
stolz auf, abwartend, was er über ihn beschließen würde.
"Wir haben den sauberen Vogel gefangen, Majestät!" sagte der ältere der
beiden Reiter. "Er muss sich aber inzwischen gemausert haben; denn Eure
Beschreibung passt wie die Faust aufs Auge! Gewiss hätten wir ihn auch
nie gefunden, wenn uns nicht der dumme Tölpel, als wir im Wirtshaus mit
ihm zusammentrafen, die ganze Geschichte selbst erzählt hätte. Und wisst
ihr, was er getan hat, nachdem wir ihn gefangen und gebunden?
Weitergelacht und weitergesungen! Und wie wir ihn auf sein Pferd
gesetzt, zwischen unsere Pferde genommen und hierher gejagt? Geschimpft
und gezankt, dass wir so langsam ritten! Als wenn er es nicht erwarten
könne, bis er geköpft würde. Wenn das der traurigste Mensch in der
ganzen Christenheit sein soll, Majestät, so möchte ich wohl den
allerlustigsten sehen. Der muss sich dann zum Frühstück die Beine
ausreißen und in den Kaffee tauchen. Alles andere hat der hier schon
unterwegs gemacht!"
Als der König dies gehört, trat er vor Pechvogel mit gekreuzten Armen
hin und sagte: "Also du bist der Mensch, der die Frechheit gehabt hat,
sich von der Prinzessin küssen zu lassen?"
"Ja, Herr König! Und ich bin seitdem der allerglückseligste Mensch der
Welt geworden!"
"Werft ihn in den Turm, er soll morgen geköpft werden!"
Hierauf führten die Reiter Pechvogel hinaus und in den Turm; der König
aber ging mit langen Schritten in seinem Zimmer auf und ab. "Das ist ein
schlimmer Handel", sagte er. "Haben tu ich ihn, und geköpft wird er;
aber davon allein wird mein Glückskind nicht wieder lustig." Dann ging
er leise bis an das Zimmer seiner Tochter, sah durchs Schlüsselloch,
schüttelte den Kopf, ging wieder lange auf und ab und ließ endlich
seinen Geheimen Rat kommen. Als dieser alles gehört, besann er sich und
sagte:
"Ich weiß nicht, ob's hilft, aber man könnte es versuchen. Dass der
Pechvogel vorher traurig war und jetzt lustig ist, ist sicher; ebenso,
dass unsere schöne Prinzessin früher stets fröhlich war und nun
fortwährend weint. Dass der Kuss daran schuld ist, ist doch sehr
wahrscheinlich. Also, der Pechvogel muss der Prinzessin den Kuss
wiedergeben. Majestät, das ist meine untertänigste Meinung!"
"Das ist ja ganz unmöglich", erwiderte der König ärgerlich, "und ganz
gegen die Sitte meines Hauses!"
"Ehrwürdige Majestät müssen die Sache nur als Staatsakt betrachten, dann
geht es wohl, und niemand kann etwas dagegen einwenden."
Der König überlegte sich die Angelegenheit noch etwas, dann sagte er:
"Gut, wir wollen es versuchen. Rufe alle Grafen und Ritter ins
Thronzimmer und lass den Gefangenen heraufführen!"
Darauf legte der König seine Staatskleidung an und nahm auf dem Throne
Platz. Neben ihm stand die Prinzessin, der er gar nicht gewagt hatte zu
sagen, weshalb er sie hatte rufen lassen, und um ihn herum in großem
Kreise der ganze Hof; lauter vornehme Herren in goldbestickten Kleidern
mit Sternen und Schärpen. Alles war ganz still. Da ging die Tür auf, und
Pechvogel wurde hereingebracht.
"Du wirst morgen geköpft", fuhr ihn der König an, "aber zuvor wirst du
augenblicklich und vor allen diesen edlen und erlauchten Herren meiner
Tochter den Kuss wiedergeben, den sie dir unüberlegterweise gegeben
hat!"
"Wenn Ihr nur das wünscht, Herr König", entgegnete Pechvogel, "so will
ich es herzlich gern tun, und wenn es möglich ist, dass ein Mensch noch
glücklicher werden kann, als ich es jetzt schon bin, so werde ich es
gewiss werden!"
"Das wollen wir erst einmal sehen", unterbrach ihn der König barsch.
"Diesmal könntest du dich verrechnet haben!"
Darauf schritt Pechvogel auf die Prinzessin zu, umarmte sie und gab ihr
einen Kuss. Sie aber nahm seine Hand, sah ihn sehr freundlich an, und
beide blieben vor dem Throne stehen.
"Bist du nun wieder vergnügt, meine liebe Tochter?" fragte der König.
"Ein klein bisschen, Herr Vater", entgegnete sie. "Aber es wird gewiss
nicht lange vorhalten."
"Ja, ja!" sagte der König traurig, "ich sehe es schon. Er ist ja nicht
wieder traurig geworden, wie es sein müsste, wenn's richtig wäre. Er
steht ja noch immer da und lächelt und macht immer noch das unverschämt
vergnügte Gesicht! Was nun anfangen?"
Da schlug die Prinzessin die Augen nieder und sagte leise: "Ich weiß es,
Vater, und will es dir sagen; aber bloß ins Ohr."
Darauf ging der König mit der Prinzessin auf den Vorsaal, und wie sie
wieder herein traten, nahm er die Hand Pechvogels, legte sie in die der
Prinzessin und sagte zu allen den versammelten Herren und Grafen:
"Es ist nicht zu ändern, Gottes Wille geschehe; dies ist mein lieber
Sohn, der König wird, wenn ich einmal sterbe."
Und Pechvogel wurde Prinz und später König. Er wohnte in dem goldenen
Schlosse und gab der Prinzessin so viele Küsse, dass sie noch viel
fröhlicher wurde als zuvor. Prinzessin Glückskind aber schenkte ihm für
seinen hässlichen Namen die allerschönsten; jeden Tag einen anderen. Nur
zuweilen, wenn sie recht übermütig lustig war, sagte sie zu ihm: "Weißt
du noch, wie du früher hießest?" und dann wollte sie sich totlachen. Er
aber hielt ihr den Mund zu und sprach: "Still! was sollen die Leute
denken, wenn sie es hören? Ich verliere ja allen Respekt!"
April

(Richard von
Volkmann-Leander)

Es gibt Menschen mit gläsernen Herzen. Wenn man leise
daran rührt, klingen sie so fein wie silberne Glocken. Stößt man jedoch
derb daran, so gehen sie entzwei.
Da war nun auch ein Königspaar, das besaß drei Töchter, und alle drei
hatten gläserne Herzen. "Kinder", sagte die Königin, "nehmt euch mit
euren Herzen in acht, sie sind eine zerbrechliche Ware!" Und sie taten
es auch.
Eins Tages jedoch lehnte sich die älteste Schwester zum Fenster hinaus
über die Brüstung und sah hinab in den Garten, wie die Bienen und
Schmetterlinge um die Levkojen flogen. Dabei drückte sie sich ihr Herz:
kling! ging es, wie wenn etwas zerspringt, und sie fiel hin und war tot.
Wieder nach einiger Zeit trank die zweite Tochter eine Tasse zu heißen
Kaffee. Da gab es abermals einen Klang, wie wenn ein Glas springt, nur
etwas feiner wie das erstemal, und auch sie fiel um. Da hob sie ihre
Mutter auf und besah sie, merkte aber bald zu ihrer Freude, dass sie
nicht tot war, sondern dass ihr Herz nur einen Sprung bekommen hatte,
jedoch noch hielt.
"Was sollen wir nun mit unserer Tochter anfangen?" ratschlagten der
König und die Königin. "Sie hat einen Sprung im Herzen, und wenn er auch
nur fein ist, so wird es doch leicht ganz entzweigehen. Wir müssen sie
sehr in acht nehmen."
Aber die Prinzessin sagte: "Laßt mich nur! Manchmal hält das, was einen
Sprung bekommen hat, nachher gerade noch recht lange!"
Indessen war die jüngste Königstochter auch groß geworden und so schön,
gut und verständig, dass von allen Seiten Königssöhne herbeiströmten und
um sie freiten. Doch der alte König war durch Schaden klug geworden und
sagte: "Ich habe nur noch eine ganze Tochter, und auch die hat ein
gläsernes Herz. Soll ich sie jemandem geben, so muß es ein König sein,
der zugleich Glaser ist und mit so zerbrechlicher Ware umzugehen
versteht." Allein es war unter den vielen Freiern nicht einer, der sich
gleichzeitig auf die Glaserei gelegt hätte, und so mußten sie alle
wieder abziehen.
Da war nun unter den Edelknaben im Schloß des Königs einer, der war
beinahe fertig. Wenn er noch dreimal der jüngsten Königstochter die
Schleppe getragen hatte, so war er Edelmann. Dann gratulierte ihm der
König und sagte ihm: "Du bist nun fertig und Edelmann. Ich danke dir. Du
kannst gehen."
Als er nun das erstemal der Prinzessin die Schleppe trug, sah er, dass
sie einen ganz königlichen Gang hatte. Als er sie ihr das zweitemal
trug, sagte die Prinzessin: "Laß einmal einen Augenblick die Schleppe
los, gib mir deine Hand und führe mich die Treppe hinauf, aber fein
zierlich, wie es sich für einen Edelknaben, der eine Königstochter
führt, schickt." Als er dies tat, sah er, dass sie auch eine ganz
königliche Hand hatte. Sie aber merkte auch etwas; was es aber war, will
ich erst nachher sagen. Endlich, als er ihr das drittemal die Schleppe
trug, drehte sich die Königstochter um und sagte zu ihm: "Wie reizend du
mir meine Schleppe trägst! So reizend hat sie mir noch keiner getragen."
Da merkte der Edelknabe, dass sie auch eine ganz königliche Sprache
führte. Damit war er nun aber fertig und Edelmann. Der König dankte und
gratulierte ihm und sagte, er könne nun gehen.
Als er ging, stand die Königstochter an der Gartentüre und sprach zu
ihm: "Du hast mir so reizend die Schleppe getragen wie kein anderer.
Wenn du doch Glaser und König wärst!"
Darauf antwortete er, er wolle sich alle Mühe geben, es zu werden; sie
möge nur auf ihn warten, er käme gewiß wieder.
Er ging also zu einem Glaser und fragte ihn, ob er nicht einen
Glaserjungen gebrauchen könne. "Jawohl", erwiderte dieser, "aber du mußt
vier Jahre bei mir lernen. Im ersten Jahr lernst du die Semmeln vom
Bäcker holen und die Kinder waschen, kämmen und anziehen. Im zweiten
lernst du die Ritzen mit Kitt verschmieren, im dritten Glas schneiden
und einsetzen, und im vierten wirst du Meister."
Darauf fragte er den Glaser, ob er nicht von hinten anfangen könne, weil
es dann doch schneller ging. Indes der Glaser bedeutete ihm, dass ein
ordentlicher Glaser immer von vorn anfangen müsse, sonst würde nichts
Gescheites daraus.
Damit gab er sich zufrieden. Im ersten Jahre holte er also die Semmeln
vom Bäcker, wusch und kämmte die Kinder und zog sie an. Im zweiten
verschmierte er die Ritzen mit Kitt, im dritten lernte er Glas schneiden
und einsetzen, und im vierten Jahre wurde er Meister. Darauf zog er sich
wieder seine Edelmannskleider an, nahm Abschied von seinem Lehrherrn und
überlegte sich, wie er es anfinge, um nun auch noch König zu werden.
Während er so auf der Straße, ganz in Gedanken versunken, einherging und
aufs Pflaster sah, trat ein Mann an ihn heran und fragte, ob er etwas
verloren habe, dass er immer so auf die Erde sähe. Da erwiderte er:
verloren habe er zwar nichts, aber suchen täte er doch etwas, nämlich
ein Königreich; und fragte ihn, ob er nicht wisse, was er zu beginnen
habe, um König zu werden.
"Wenn du ein Glaser wärst", sagte der Mann, "wüßte ich schon Rat."
"Ich bin ja gerade ein Glaser!" antwortete er, "und eben fertig
geworden!"
Als er dies gesagt, erzählte ihm der Mann die Geschichte von den drei
Schwestern mit den gläsernen Herzen, und wie der alte König durchaus
seine Tochter nur einem Glaser vermählen wolle. "Anfangs", so sprach er,
"war noch die Bedingung, dass der Glaser, der sie bekäme, auch noch ein
König oder ein Königssohn sein müsse; weil sich aber keiner finden will,
der alles beides ist, Glaser und König zugleich, so hat er etwas
nachgegeben, wie es der Klügste immer tun muß, und zwei andere
Bedingungen gestellt. Glaser muß er freilich immer noch sein, dabei
bleibt es!"
"Welches sind denn die beiden Bedingungen?" fragte der junge Edelmann.
"Er muß der Prinzessin gefallen und Samtpatschen haben. Kommt nun ein
Glaser, welcher der Prinzessin gefällt und auch Samtpatschen hat, so
will ihm der König seine Tochter geben und ihn später, wenn er tot ist,
zum König machen. Es sind nun auch schon eine Menge Glaser auf dem
Schloß gewesen, aber der Prinzessin wollte keiner gefallen. Außerdem
hatten sie auch alle keine Samtpatschen, sondern grobe Hände, wie das
von gewöhnlichen Glasern nicht anders zu erwarten ist."
Als dies der junge Edelmann vernommen, ging er in das Schloß, entdeckte
sich dem König, erinnerte ihn daran, wie er bei ihm Edelknabe gewesen
sei, und erzählte ihm, dass er seiner Tochter zuliebe Glaser geworden und
sie nun gar gern heiraten und nach seinem Tode König werden wolle.
Da ließ der König die Prinzessin rufen und fragte sie, ob der junge
Edelmann ihr gefiele, und als sie dies bejahte, weil sie ihn gleich
erkannte, sagte er dann weiter, er solle nun auch seine Handschuhe
ausziehen und zeigen, ob er auch Samtpatschen habe. Aber die Prinzessin
meinte, dies sei unnötig, sie wisse es ganz genau, dass er wirklich
Samtpatschen habe. Sie hätte es schon damals gemerkt, als er sie die
Treppe hinaufgeführt hätte.
So waren denn beide Bedingungen erfüllt, und da die Prinzessin einen
Glaser zum Mann bekam und noch dazu einen mit Samtpatschen, so nahm er
ihr Herz sehr in acht, und es hielt bis an ihr seliges Ende.
Die zweite Schwester aber, welche schon den Sprung hatte, wurde die
Tante, und zwar die allerbeste Tante der Welt. Dies versicherten nicht
bloß die Kinder, welche der junge Edelmann und die Prinzessin zusammen
bekamen, sondern auch alle anderen Leute. Die kleinen Prinzessinnen
lehrte sie lesen, beten und Puppenkleider machen; den Prinzen aber besah
sie die Zensuren. Wer eine gute Zensur hatte, wurde sehr gelobt und
bekam etwas geschenkt; hatte aber einmal einer eine schlechte Zensur,
dann gab sie ihm einen Katzenkopf und sprach: "Sage einmal, sauberer
Prinz, was du dir eigentlich vorstellst? Was willst du später einmal
werden? Heraus mit der Sprache! Nun, wird's bald?"
Und wenn er dann schnuckste und sagte: "Kö-Kö-Kö-König!" lachte sie und
fragte: "König! Wohl König Midas? König Midas Hochgeboren mit zwei
langen Eselsohren!" Dann schämte sich der, welcher die schlechte Zensur
bekommen hatte, gewaltig.
Und auch diese zweite Prinzessin wurde steinalt, obwohl ihr Herz einen
Sprung hatte. Wenn sich jemand darüber wunderte, sagte sie regelmäßig:
"Was in der Jugend einen Sprung kriegt und geht nicht gleich entzwei,
das hält nachher oft gerade noch recht lange."
Und das ist auch wahr. Denn meine Mutter hat auch so ein altes
Sahnetöpfchen, weiß, mit kleinen bunten Blumensträußchen besät, das hat
einen Sprung, solange ich denken kann, und hält immer noch; und seit es
meine Mutter hat, sind schon so viele neue Sahnetöpfchen gekauft und
immer wieder zerbrochen worden, dass man sie gar nicht zählen kann.
März

(Gebrüder Grimm)

Zwei Königssöhne
gingen einmal auf Abenteuer und gerieten in ein wildes, wüstes Leben, so
dass sie gar nicht wieder nach Haus kamen. Der jüngste, welcher der
Dummling hieß, machte sich auf und suchte seine Brüder. Aber wie er sie
endlich fand, verspotteten sie ihn, dass er mit seiner Einfalt sich
durch die Welt schlagen wollte, und sie zwei könnten nicht durchkommen
und wären doch viel klüger.
Sie zogen alle drei miteinander fort und kamen an einen Ameisenhaufen.
Die zwei ältesten wollten ihn aufwühlen und sehen, wie die kleinen
Ameisen in der Angst herumkröchen und ihre Eier forttrügen, aber der
Dummling sagte: "Lasst die Tiere in Frieden, ich leid's nicht, dass ihr
sie stört!"
Da gingen sie weiter und kamen an einen See, auf dem schwammen viele,
viele Enten. Die zwei Brüder wollten ein paar fangen und braten, aber
der Dummling ließ es nicht zu und sprach: "Lasst die Tiere in Frieden,
ich leid's nicht, dass ihr sie tötet!"
Endlich kamen sie an ein Bienennest, darin war so viel Honig, dass er am
Stamm herunterlief. Die zwei wollten Feuer unter den Baum legen und die
Bienen ersticken, damit sie den Honig wegnehmen könnten. Der Dummling
hielt sie aber wieder ab und sprach: "Lasst die Tiere in Frieden, ich
leid's nicht, dass ihr sie verbrennt!"
Endlich kamen die drei Brüder in ein Schloss, wo in den Ställen lauter
steinerne Pferde standen, auch war kein Mensch zu sehen, und sie gingen
durch alle Ställe, bis sie vor eine Türe ganz am Ende kamen, davor
hingen drei Schlösser; es war aber mitten in der Türe ein Lädlein,
dadurch konnte man in die Stube sehen. Da sahen sie ein graues Männchen,
das an einem Tisch saß. Sie riefen es an, einmal, zweimal, aber es hörte
nicht. Endlich riefen sie zum dritten Mal; da stand es auf, öffnete die
Schlösser und kam heraus. Es sprach aber kein Wort, sondern führte sie
zu einem reichgedeckten Tisch; und als sie gegessen und getrunken
hatten, brachte es einen jeglichen in sein eigenes Schlafgemach.
Am andern Morgen kam das graue Männchen zu dem ältesten, winkte und
leitete ihn zu einer steinernen Tafel, darauf standen drei Aufgaben
geschrieben, wodurch das Schloss erlöst werden könnte. Die erste war: In
dem Wald unter dem Moos lagen die Perlen der Königstochter, tausend an
der Zahl; die mussten aufgesucht werden, und wenn vor Sonnenuntergang
noch eine einzige fehlte, so ward der, welcher gesucht hatte, zu Stein.
Der älteste ging hin und suchte den ganzen Tag, als aber der Tag zu Ende
war, hatte er erst hundert gefunden; es geschah, wie auf der Tafel
stand: Er ward in Stein verwandelt. Am folgenden Tage unternahm der
zweite Bruder das Abenteuer; es ging ihm aber nicht viel besser als dem
ältesten, er fand nicht mehr als zweihundert Perlen und ward zu Stein.
Endlich kam auch an den Dummling die Reihe, der suchte im Moos; es war
aber so schwer, die Perlen zu finden, und ging so langsam. Da setzte er
sich auf einen Stein und weinte. Und wie er so saß, kam der
Ameisenkönig, dem er einmal das Leben erhalten hatte, mit fünftausend
Ameisen, und es währte gar nicht lange, so hatten die kleinen Tiere die
Perlen miteinander gefunden und auf einen Haufen getragen.
Die zweite Aufgabe aber war, den Schlüssel zu der Schlafkammer der
Königstochter aus dem See zu holen. Wie der Dummling zum See kam,
schwammen die Enten, die er einmal gerettet hatte, heran, tauchten unter
und holten den Schlüssel aus der Tiefe.
Die dritte Aufgabe aber war die schwerste: Von den drei schlafenden
Töchtern des Königs sollte die jüngste und die liebste herausgesucht
werden. Sie glichen sich aber vollkommen und waren durch nichts
verschieden, als dass sie, bevor sie eingeschlafen waren, verschiedene
Süßigkeiten gegessen hatten, die älteste ein Stück Zucker, die zweite
ein wenig Sirup, die jüngste einen Löffel Honig. Da kam die
Bienenkonigin von den Bienen, die der Dummling vor dem Feuer geschützt
hatte, und versuchte den Mund von allen dreien, zuletzt blieb sie auf
dem Mund sitzen, der Honig gegessen hatte, und so erkannte der
Königssohn die Rechte.
Da war der Zauber vorbei, alles war aus dem Schlaf erlöst, und wer von
Stein war, erhielt seine menschliche Gestalt wieder. Und der Dummling
vermählte sich mit der jüngsten und liebsten und ward König nach ihres
Vaters Tod, seine zwei Bruder aber erhielten die beiden andern
Schwestern.

(Wilhelm Hauff)

In einem schönen,
fernen Reiche, von welchem die Sage lebt, dass die Sonne in seinen ewig
grünen Gärten niemals untergehe, herrschte von Anfang an bis heute die
Königin Phantasie. Mit vollen Händen spendete diese seit vielen
Jahrhunderten die Fülle des Segens über die Ihrigen und war geliebt,
verehrt von allen, die sie kannten. Das Herz der Königin war aber zu
groß, als dass sie mit ihren Wohltaten bei ihrem Lande stehen geblieben
wäre; sie selbst, im königlichen Schmuck ihrer ewigen Jugend und
Schönheit, stieg herab auf die Erde; denn sie hatte gehört, dass dort
Menschen wohnen, die ihr Leben in traurigem Ernst, unter Mühe und Arbeit
hinbringen. Diesen hatte sie die schönsten Gaben aus ihrem Reiche
mitgebracht, und seit die schöne Königin durch die Fluren der Erde
gegangen war, waren die Menschen fröhlich bei der Arbeit, heiter in
ihrem Ernst.
Auch ihre Kinder, nicht minder schön und lieblich als die königliche
Mutter, sandte sie aus, um die Menschen zu beglücken. Einst kam Märchen,
die älteste Tochter der Königin, von der Erde zurück. Die Mutter
bemerkte, dass Märchen traurig sei, ja, hier und da wollte ihr bedünken,
als ob sie verweinte Augen hätte.
"Was hast du, liebes Märchen", sprach die Königin zu ihr, "du bist seit
deiner Reise so traurig und niedergeschlagen, willst du deiner Mutter
nicht anvertrauen, was dir fehlt?"
"Ach, liebe Mutter", antwortete Märchen, "ich hätte gewiss nicht so
lange geschwiegen, wenn ich nicht wüsste, dass mein Kummer auch der
deinige ist."
"Sprich immer, meine Tochter", bat die schöne Königin, "der Gram ist ein
Stein, der den einzelnen niederdrückt, aber zwei tragen ihn leicht aus
dem Wege."
"Du willst es", antwortete Märchen, "so höre: Du weißt, wie gerne ich
mit den Menschen umgehe, wie ich freudig auch bei dem Ärmsten vor seiner
Hütte sitze, um nach der Arbeit ein Stündchen mit ihm zu verplaudern;
sie boten mir auch sonst gleich freundlich die Hand zum Gruß, wenn ich
kam, und sahen mir lächelnd und zufrieden nach, wenn ich weiterging;
aber in diesen Tagen ist es gar nicht mehr so!"
"Armes Märchen!" sprach die Königin und streichelte ihr die Wange, die
von einer Träne feucht war, "aber du bildest dir vielleicht dies alles
nur ein?"
"Glaube mir, ich fühle es nur zu gut", entgegnete Märchen, "sie lieben
mich nicht mehr. Überall, wo ich hinkomme, begegnen mir kalte Blicke;
nirgends bin ich mehr gern gesehen; selbst die Kinder, die ich doch
immer so lieb hatte, lachen über mich und wenden mir altklug den Rücken
zu."
Die Königin stützte die Stirne in die Hand und schwieg sinnend.
"Und woher soll es denn", fragte die Königin, "kommen, Märchen, dass
sich die Leute da unten so geändert haben?"
"Sieh, die Menschen haben kluge Wächter aufgestellt, die alles, was aus
deinem Reich kommt, o Königin Phantasie, mit scharfem Blicke mustern und
prüfen. Wenn nun einer kommt, der nicht nach ihrem Sinne ist, so erheben
sie ein großes Geschrei, schlagen ihn tot oder verleumden ihn doch so
sehr bei den Menschen, die ihnen aufs Wort glauben, dass man gar keine
Liebe, kein Fünkchen Zutrauen mehr findet. Ach, wie gut haben es meine
Brüder, die Träume, fröhlich und leicht hüpfen sie auf die Erde hinab,
fragen nichts nach jenen klugen Männern, besuchen die schlummernden
Menschen und weben und malen ihnen, was das Herz beglückt und das Auge
erfreut!"
"Deine Brüder sind Leichtfüße", sagte die Königin, "und du, mein
Liebling, hast keine Ursache, sie zu beneiden. Jene Grenzwächter kenne
ich übrigens wohl; die Menschen haben so unrecht nicht, sie
aufzustellen; es kam so mancher windige Geselle und tat, als ob er
geradewegs aus meinem Reiche käme, und doch hatte er höchstens von einem
Berge zu uns herübergeschaut."
"Aber warum lassen sie dies mich, deine eigene Tochter, entgelten",
weinte Märchen. "Ach, wenn du wüsstest, wie sie es mit mir gemacht
haben; sie schalten mich eine alte Jungfer und drohten, mich das nächste
Mal gar nicht mehr hereinzulassen." "Wie, meine Tochter nicht mehr
einzulassen?" rief die Königin, und Zorn rötete ihre Wangen. "Aber ich
sehe schon, woher dies kommt; die böse Muhme hat uns verleumdet!"
"Die Mode? Nicht möglich!" rief Märchen, "sie tat ja sonst immer so
freundlich."
"Oh! Ich kenne sie, die Falsche", antwortete die Königin, "aber versuche
es ihr zum Trotze wieder, meine Tochter, wer Gutes tun will, darf nicht
rasten."
"Ach, Mutter! Wenn sie mich dann ganz zurückweisen, oder wenn sie mich
verleumden, dass mich die Menschen nicht ansehen oder einsam und
verachtet in der Ecke stehen lassen?"
"Wenn die Alten, von der Mode betört, dich geringschätzen, so wende dich
an die Kleinen, wahrlich, sie sind meine Lieblinge, ihnen sende ich
meine lieblichsten Bilder durch deine Brüder, die Träume, ja, ich bin
schon oft selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und geküsst
und schöne Spiele mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch wohl, sie
wissen zwar meinen Namen nicht, aber ich habe schon oft bemerkt, wie sie
nachts zu meinen Sternen herauflächeln und morgens, wenn meine
glänzenden Lämmer am Himmel ziehen, vor Freuden die Hände
zusammenschlagen. Auch wenn sie größer werden, lieben sie mich noch, ich
helfe dann den lieblichen Mädchen bunte Kränze flechten, und die wilden
Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu ihnen
setze, aus der Nebelwelt der fernen, blauen Berge hohe Burgen und
glänzende Paläste auftauchen lasse und aus den rötlichen Wolken des
Abends kühne Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtszüge bilde."
"O die guten Kinder!" rief Märchen bewegt aus. "Ja, es sei! Mit ihnen
will ich es noch einmal versuchen."
"Ja, du gute Tochter", sprach die Königin, "gehe zu ihnen; aber ich will
dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, dass du den Kleinen gefällst
und die Großen dich nicht zurückstoßen; siehe, das Gewand eines
Almanachs will ich dir geben."
"Eines Almanachs, Mutter? Ach! - Ich schäme mich, so vor den Leuten zu
prangen."
Die Königin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand
eines Almanachs. Es war von glänzenden Farben und schöne Figuren
eingewoben.
Die Zofen flochten dem schönen Mädchen das lange Haar; sie banden ihr
goldene Sandalen unter die Füße und hingen ihr dann das Gewand um.
Das bescheidene Märchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber
betrachtete es mit Wohlgefallen und schloss es in ihre Arme. "Gehe hin",
sprach sie zu der Kleinen, "mein Segen sei mit dir. Und wenn sie dich
verachten und höhnen, so kehre zurück zu mir, vielleicht, dass spätere
Geschlechter, getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder zuwenden."
Also sprach die Königin Phantasie. Märchen aber stieg hinab auf die
Erde. Mit pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Wächter
hausten; sie senkte das Köpfchen zur Erde, sie zog das schöne Gewand
enger um sich her, und mit zagendem Schritt nahte sie dem Tor.
"Halt!" rief eine tiefe, raue Stimme. "Wache heraus! Da kommt ein neuer
Almanach!"
Märchen zitterte, als sie dies hörte; viele ältliche Männer von
finsterem Aussehen stürzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der
Faust und hielten sie dem Märchen entgegen. Einer aus der Schar schritt
auf sie zu und packte sie mit rauer Hand am Kinn. "Nur auch den Kopf
aufgerichtet, Herr Almanach", schrie er, "dass man Ihm in den Augen
ansieht, ob er was Rechtes ist oder nicht!"
Errötend richtete Märchen das Köpfchen in die Höhe und schlug das dunkle
Auge auf.
"Das Märchen!" riefen die Wächter und lachten aus vollem Hals, "das
Märchen! Haben wunder gemeint, was da käme! Wie kommst du nur in diesen
Rock?"
"Die Mutter hat ihn mir angezogen", antwortete Märchen. "So? Sie will
dich bei uns einschwärzen? Nichts da! Hebe dich weg, mach, dass du
fortkommst!" riefen die Wächter untereinander und erhoben die scharfen
Federn.
"Aber ich will ja nur zu den Kindern", bat Märchen, "dies könnt ihr mir
ja doch erlauben."
"Läuft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?" rief einer der
Wächter. "Sie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug vor."
"Lasst uns sehen, was sie diesmal weiß!" sprach ein anderer.
"Nun ja", riefen sie, "sag an, was du weißt, aber beeile dich, denn wir
haben nicht viele Zeit für dich!"
Märchen streckte die Hand aus und schrieb mit dem Zeigefinger viele
Zeichen in die Luft. Da sah man bunte Gestalten vorüberziehen; Karawanen
mit schönen Rossen, geschmückte Reiter, viele Zelte im Sand der Wüste;
Vögel und Schiffe auf stürmischen Meeren; stille Wälder und volkreiche
Plätze und Straßen; Schlachten und friedliche Nomaden, sie alle
schwebten in belebten Bildern, in buntem Gewimmel vorüber.
Märchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder aufsteigen ließ,
nicht bemerkt, wie die Wächter des Tores nach und nach eingeschlafen
waren. Eben wollte sie neue Zeichen schreiben, als ein freundlicher Mann
auf sie zutrat und ihre Hand ergriff. "Siehe her, gutes Märchen", sagte
er, indem er auf die Schlafenden zeigte, "für diese sind deine bunten
Sachen nichts; schlüpfe schnell durch das Tor; sie ahnen dann nicht,
dass du im Lande bist, und du kannst friedlich und unbemerkt deine
Straße ziehen. Ich will dich zu meinen Kindern führen; in meinem Hause
geb' ich dir ein stilles, freundliches Plätzchen; dort kannst du wohnen
und für dich leben; wenn dann meine Söhne und Töchter gut gelernt haben,
dürfen sie mit ihren Gespielen zu dir kommen und dir zuhören. Willst du
so?"
"Oh, wie gerne folge ich dir zu deinen lieben Kleinen; wie will ich mich
befleißen, ihnen zuweilen ein heiteres Stündchen zu machen!"
Der gute Mann nickte ihr freundlich zu und half ihr, über die Füße der
schlafenden Wächter hinüberzusteigen. Lächelnd sah sich Märchen um, als
sie hinüber war, und schlüpfte dann schnell in das Tor.

(Ludwig Bechstein)

Nicht weit von
einem friedsamen Dörflein, welches am Seegestade lag und meist von
Fischern bewohnt war, ließ sich alle Jahre zu etlichen bestimmten Malen
eine überirdisch schöne Jungfrau am Ufer sehen; dieselbe kam allemal in
einem wunderschönen Schifflein, welches gerade aussah wie von puren
hellfarbigen Perlen zusammengefügt, daher gesegelt, und niemand wusste,
woher sie kam, oder wohin sie wieder zurückkehrte, wenn sie verschwand.
Die treuherzigen Fischerleute hatten sie aber gar lieb, zumal die
Kinder, denen sie jedes mal schöne Perlen die Menge ans Ufer streute und
ihnen zuwinkte, dieselben aufzulesen. Da waren die Kleinen dann
geschäftig und lasen die Perlen auf und erfreuten sich an deren
Farbenglanz. Und dann kamen die Fischer und Fischerinnen und trugen der
guten schönen Perlenkönigin eine Mahlzeit zusammen: Fische und Brot und
guten Wein, und die holde Jungfrau war gegen alle freundlich, aß einige
Bissen und trank ein wenig Wein.
Oft auch zur Zeit, da die schöne Unbekannte dort am Ufer zu landen
pflegte, kamen aus andern fremden Ländern Prinzen und viele Edle herbei,
um die schöne Jungfrau zu sehen und vielleicht zu freien; denn es ging
von ihr weit und breit die Rede, dass sie ebenso reich an Erdenschätzen
wie an Leibesschönheit sei. Aber alle mussten auch wieder unbefriedigt
von dannen ziehen. Die hohe Jungfrau verlangte von jedem, der um sie
warb, dass er zuvor drei Proben bestehe, die sie ihm aufgegeben. Und
diese waren bisher für alle zu schwer und hoch. Keiner vermochte sie zu
lösen, und so mussten die hohen Bewerber dann zurückstehen und ein wenig
beschämt und verstimmt wieder abziehen. Das erste war, was die Jungfrau
aufgab, zu erraten, was für Haare sie habe; denn sie trug stets das
Haupt ganz dicht verschleiert; das hatte noch keiner erraten, wiewohl
schon alle Farben - schwarz, rot, blond, braun, weiß, grün, grau, blau -
geraten worden waren. Das zweite war, die Halskette der Jungfrau
umzuhängen. Wurden dann die glänzend hellen Perlen davon trübe, so war's
ein böses Zeichen, dann weinte die schöne Dame allemal, und ihre Tränen
wurden eine ebenso helle Perle wie die an der Kette und fügten sich
derselben an. Und so wie die Perlenschnur wieder am Halse der Jungfrau
hing, glänzte sie auch wieder hell und wundersam. Das dritte war, zu
erraten, was die Jungfrau auf der Brust trage. Und dies erriet keiner.
Und so gewann auch keiner, und wäre er auch der reichste Fürst gewesen,
die Gunst der Jungfrau, also dass sie ihm Hand und Herz schenke. Sie
blieb geheimnisvoll. Alle List, um etwas Näheres über sie selbst und
über ihre Heimat zu erfahren, blieb fruchtlos; denn allzu schnell war
das Perlenschifflein allemal vor den Blicken der Menschen auf dem
Gewässer verschwunden. Doch zur bestimmten Zeit kam sie wieder, so
freundlich und liebreich wie zuvor, und streute Perlen aus am Ufer.
Und da war ein Knäblein, das hatte sie unter allen Kindern am liebsten,
das nahm sie allemal in ihre Arme und drückte es herzlich, und der Knabe
hatte die schöne gütige Dame auch gar sehr lieb; doch als er größer
wurde, wurde er verschämt und schüchtern und wagte zuletzt gar nicht
mehr Perlen aufzulesen, musste auch meist mit seinem Vater auf die See
fahren und fischen.
So war die Jungfrau schon mehrere Male dort ans Ufer gestiegen und hatte
ihren lieben Fischerknaben nicht gesehen; da wurde sie betrübt, denn
ach, ihr Herz hatte sich gerade diesen Jüngling auserwählt, und sie
wünschte nichts mehr, als dass einst dieser schöne Fischer imstande sein
möge, die drei Aufgaben zu lösen und ihr dann auf immer nach der schönen
Perlen-Insel, ihrer Heimat, zu folgen. Sie beschloss im stillen, als sie
wieder einmal, ohne den geliebten Fischerjüngling gesehen zu haben, mit
ihrem Schifflein vom Ufer abstieß, am selbigen Abend wiederzukommen, um
dem Teuren unsichtbar nahezutreten. Und ja, als der goldne Mond
aufgegangen war und sich auf den Wassern spiegelte, fuhr das
Perlenschifflein wieder durch die Wellen dem befreundeten Ufer zu, wo
dort in der kleinen Fischerhütte der Geliebte längst entschlummert
ruhte. Die holde Jungfrau trat ein in das kleine Gemach und beugte sich
sanft zu dem Schläfer, dem nur Moos zum Lager diente. Und sie löste ihre
Perlenschnur vom Hals und hing sie dem Jüngling um, und die Perlen
blieben so hell und klar wie zuvor, o welche Freude durchströmte da ihr
liebendes Herz! Sie küsste den Teuren segnend, schied und kehrte alle
Abende wieder und hing allemal die Perlen um des Jünglings Hals, und die
Perlen blieben allemal hell und glänzend. Der Jüngling war aber in
seinem Herzen ebenfalls in Liebe zur schönen Perlenkönigin entbrannt und
war dabei fromm und gut, nur war er allzu schüchtern und verzagt, um ihr
öffentlich zu nahen.
Als sie nun wieder einmal des Nachts an des Jünglings Lager weilte,
erwachte derselbe, blieb aber ruhig, so dass sie wähnte, er schlafe. Da
nahm sie wieder die Perlenschnur vom Hals, hing sie ihm um, weinte warme
Tränen auf seine Wangen, warf den Schleier zurück und nahm ihre Haare
und trocknete die Tränen damit ab. Da sah der Jüngling, dass ihre Haare
golden waren. Dann schlug sie das Busentuch zurück, da glänzte ein
heller Spiegel auf ihrer Brust, aus welchem des Jünglings Bild sanft und
schön herausblickte. Doch wann sie schied, wurde sie allemal betrübt und
traurig; denn sobald die helle Perlenschnur nur ein einziges Mal trüb
werden mochte am Halse ihres geliebten Fischers, hätte sie nimmer wieder
ihm nahen dürfen.
So kam die bestimmte Zeit, wo die schöne Perlenkönigin wieder nahe dem
Fischerdörflein ans Ufer stieg und nach ihrer gewohnten Weise für die
frohen Kinder Perlen ausstreute; und dieses Mal waren viele edle Fürsten
und Herren gekommen, um die reiche, schöne Prinzessin zu erwerben; auch
der Fischerjüngling stand von ferne und fasste Mut, der Angebeteten zu
nahen. Doch es kam zuletzt an ihn, als alle andern wieder beschämt von
ihr gewichen waren. Da trat er bescheiden hin und bat um die drei
Aufgaben, und die Jungfrau glühte vor Freude und gab sie ihm und sandte
heimlich flehende Blicke gen Himmel, dass doch ihr geliebter Jüngling
die Proben bestehen möge. Kein anderer konnte sie ja lösen. Der schöne
Fischer beugte sich sittsam vor der Holden und sprach: "Oh, deine Haare
müssen golden sein." Und im Augenblick fiel der Schleier herab, und ihre
goldnen Locken wallten hernieder. Dann hing die freudige Jungfrau die
Perlenschnur um den Hals des Jünglings, und sie blieb rein und glänzend.
Und wieder sprach der Fischer: "Und deine Brust muss ein reiner schöner
Spiegel sein, holde Jungfrau!" Und auch das Busentuch rauschte im
Augenblick zur Erde, und der klare Spiegel auf der Brust der Jungfrau
zeigte ein sanftes schönes Bild, das Bild des Jünglings. Da erscholl vom
Perlenschifflein ein heller Jubel und freudetönende Musik, und ein Kreis
von schönen Frauen und blühenden Männern erhob sich freudevoll vom
Schifflein und nahm das holde Paar auf, und der kleine schöne
Perlennachen glitt auf der spiegelhellen Wasserfläche dahin, nach der
wunderlieblichen Perleninsel, als der Heimat der lieben Braut des
Fischerjünglings, um nimmer, nimmer wiederzukehren.

www.maerchen.net/
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